Michael Scheyer
Journalismus & Öffentlichkeitsarbeit
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Blog Post

Fressen und gefressen werden – was Zoos verfüttern

14. März 2014 Reportage, Text
Fressen und gefressen werden – was Zoos verfüttern

Hühnerfrikassee. Danach riecht es in der Futterküche des Stuttgarter Zoos Wilhelma. „Wir haben einen Geparden, der eine Magenschleimhautentzündung hat“, erklärt Futtermeister Klaus-Dieter Strauß den Geruch. „Der bekommt von uns gerade nur gekochtes Huhn mit Reis.“ Es habe ein wenig gedauert, bis der Gepard sich damit angefreundet habe. Aber jetzt ginge es ihm sehr gut damit.

Normalerweise fressen die Raubkatzen nur rohes Fleisch, und zwar vom Feinsten: „Das ist Pferdefleisch“, sagt Strauß in der Kälte des Tiefkühlraums, wo 14 in Folien verpackte Keulen hängen – der Monatsbedarf. „Pferd hat weniger Cholesterin als Rindfleisch. Das ist gesünder.“ In der Wilhelma ginge es nur um das Wohl der Tiere, betont Strauß. Das gelte vor allem für das Futter. 400 000 Euro gibt der Stuttgarter Zoo jährlich für Tierfutter aus: Frisches Gemüse vom Großmarkt für die Elefanten, tiefgekühltes Laub aus dem Sommer für die Affen und Pferdefleisch vom Metzger aus Illingen für die Raubkatzen. Alles bio, versteht sich.

Das Fleisch der Giraffe, die der Kopenhagener Zoo im Februar seinen Löwen verfüttert hatte, war das auch: bestes Biofleisch. Eigentlich die perfekte, artgerechte Ernährung für die Löwen. Aber die Weltöffentlichkeit, die bei dem Schauspiel nicht dabei war, sah das anders: Sie empörte sich darüber, dass der Zoo die Giraffe vor den Augen neugieriger Besucher zerlegte und anschließend den Raubkatzen zum Fraß vorwarf. Beschwerden gingen reihenweise ein. Im Internet brach ein sogenannter Shitstorm aus. Der Kopenhagener Zoodirektor sah sich sogar Morddrohungen ausgesetzt.

„Das ist sehr bedenklich“, sagt Wilhelma-Zoodirektor Thomas Kölpin. Im Internet würden Dinge an der Realität und der Gesetzeslage vorbei weitergeleitet. Was die Tierhaltung im Zoo anbelange, werde diese von den Menschen leider verklärt, meint Kölpin. Das Thema sei komplex. Trotzdem versucht er, das Empfinden der Menschen zu verstehen.

Zunächst einmal haben Zootiere Namen. Das sei mit Haustieren zu vergleichen. Hund, Katze, Hase: „Was ich persönlich kenne, das esse ich nicht“, sagt Kölpin. „Da werden die Menschen sehr emotional.“ Die Medien würden ihren Teil zur emotionalen Überbewertung beitragen. „In den Dokusoaps werden hauptsächlich die persönlichen Beziehungen zwischen den Pflegern und den Tieren transportiert“, kritisiert Kölpin. Das habe zwar den positiven Effekt, dass es die Neugierde der Menschen wecke, wovon auch die Wilhelma profitiere. „Aber ein Zoo hat auch eine wissenschaftliche Aufgabe. Und die kommt im Fernsehen leider viel zu kurz.“

Zoos sollen gefährdete Tierarten vor dem Aussterben bewahren und artgerecht züchten. Dazu gehöre es, auch wenn sich das niemand wünsche, dass ein Tier gelegentlich getötet werden müsse – selbst wenn es kerngesund sei. Gesund sind Tiere in freier Wildbahn nicht zwangsläufig. „Die Löwen in Afrika sehen anders aus als die im Zoo“, sagt der Wilhelma-Chef. „Die Natur ist sehr viel härter als der Zooalltag. Täglich müssen sie da ums Überleben kämpfen.“ Doch wie brutal die Natur im Gegensatz zum Zoo ist, stellen Tierfilme selten dar. Im Gegenteil: Oft sehe die Wildnis viel zu romantisch aus. „Halb verhungerte oder von Maden zerfressene Tiere zeigen die so gut wie nie.“ Und Giraffen? „Der wahrscheinlichste Lebenssinn einer Giraffe ist es, gefressen zu werden“, sagt Kölpin lapidar. Irgendwann sei nun mal jedes Tier krank oder alt und dann meistens auf sich gestellt – für Raubtiere ein gefundenes Fressen.

Dass ein Tier wie im Kopenhagener Zoo vor den Augen der Besucher zerstückelt werde, sei in Stuttgart aber undenkbar. „Das ist nicht unser didaktischer Auftrag“, erklärt Kölpin. „Wir sollen über lebendige Tiere aufklären und keine Anatomiekurse geben.“ Dennoch nimmt der Zoodirektor seine Kollegen in Schutz: „Die haben sich an dänische Gesetze gehalten. Außerdem haben sie es angekündigt.“ Die Anwesenden seien ja nicht überrascht worden. Sie hätten sich aus freien Stücken dazu entschieden, dem Schauspiel beizuwohnen. In Dänemark habe die Öffentlichkeit auch lange nicht so emotional reagiert, wie hier in Deutschland.

Auch wenn Kölpin öffentliches Zerlegen ablehnt, schließt er nicht aus, dass eine Giraffe in Stuttgart getötet und verfüttert wird. Dabei gelte es, die Gesetze zu achten. Das deutsche Tierschutzgesetz verbietet es, Tiere zu verfüttern, die verendet sind, also an einer Krankheit oder aus Altersschwäche gestorben. Diese Tiere gingen an die Tierkörperverwertung. Verletze sich aber ein Tier so schwer, dass es nicht geheilt werden könne, müsse es getötet werden. Dann spreche für Kölpin auch nichts dagegen, das Tier zu verfüttern. „Immerhin ist das bestes Bio-Fleisch.“

Argumentative Rückendeckung gibt es von Lothar Haag, dem Revierleiter für Raubkatzen: „Den Katzen sieht man an, dass sie sich freuen, wenn sie solches Fleisch zu fressen bekommen.“ Satt würden die Raubkatzen von dem zurechtgeschnittenen Pferdefleisch ohne Fell auch. „Aber da merkt man, dass denen was fehlt. Das Fell hat Ballaststoffe. Das gibt eine gute Verdauung“, erklärt Haag, während Carlos, der bengalische Tiger, gemütlich durch sein Gehege schleicht, um die Fleischhappen zu suchen, die der Tierpfleger zuvor versteckt hat. Fünf bis sieben Kilo Fleisch frisst ein Tiger wie Carlos im Schnitt täglich. Haag, dem seine Katzen am Herzen liegen, fände es schade, wenn gutes Fleisch, wie das einer Zoogiraffe, den Tigern, Leoparden und Geparden vorenthalten bliebe. Ganze Tiere würden hier ohnehin nicht verfüttert. „Wir haben fünfmal pro Woche Fütterung. Die Besucher wollen ja was sehen. Wenn sich die Katzen vollfressen, kommen sie nicht mehr heraus.“ Deshalb gibt es immer nur Happen.

Tatsächlich beobachte er bei der Fütterung regelmäßig, dass Besucher gelangweilt weiterliefen, wenn der Tiger das Fleisch gefunden habe und zu verschlingen beginne. Das sieht ziemlich unspektakulär aus und ist kaum zu vergleichen mit einer Zeitlupenaufnahme aus dem Fernsehen, wenn ein Löwe eine Antilope reißt. Das scheinen die Besucher aber zu erwarten. Nach der Fütterung steht Haag den Besuchern immer für Fragen zur Verfügung. Auf den Fall mit der Giraffe sei er noch nicht angesprochen worden.

Aber es seien nicht die Medien allein, meint Zoodirektor Kölpin. Wenn sowas wie mit Marius, der Giraffe in Kopenhagen, geschehe oder mit Knut, dem Eisbären in Berlin, oder mit Altai, dem Tiger in Köln, dann schrien die Tierschutzorganisationen laut auf. Die nutzten den Wirbel aus, um Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen. „Das ist ja logisch, dass man über den Anlass spricht, wenn der Anlass da ist“, verteidigt sich Herbert Lawo, der Vorsitzende des baden-württembergischen Landestierschutzverbandes. „Solche Fälle sind für uns lediglich die Bestätigung unserer Forderung, Tierhaltung zu Schauzwecken abzuschaffen.“

Der Zweck eines Zoos, sagt Lawo, sei es nun mal, Tiere zu zeigen. Daraus ergebe sich zwangsläufig eine nicht-artgerechte Tierhaltung. „Der Zoo stellt dar, wie Tiere in Gefangenschaft leben und nicht, wie sie in Wirklichkeit leben.“ Für den Wilhelma-Chef ist die Sache aber nicht so einfach. Er betont, dass er nicht wisse, warum die Kollegen in Kopenhagen die Giraffe getötet haben. Doch ein Beispiel soll erklären, warum es sinnvoll sein könne, ein Tier zu töten: Ein männliches Tier dürfe sich nicht unendlich oft vermehren. Andernfalls seien unter den Nachkommen zu häufig dieselben Gene verbreitet. Damit sie sich nicht paaren, leben die Tiger in Stuttgart derzeit getrennt.

Da Tiger Einzelgänger sind, spiele das für sie keine große Rolle. Tieren allerdings, die wie Giraffen in Herden leben, sei die Isolation nicht zuzumuten – das wäre nicht artgerecht. In der Herde könnte das Männchen auch nicht bleiben, da es vom Alphatier vermutlich als Konkurrenz gesehen werde, sobald es zeugungsfähig sei. Das sei lebensgefährlich für die jungen Tiere. Der Zoo gerate dann in ein Dilemma: Isolieren, was eine fragwürdige Haltung wäre, oder in der Herde belassen, wo es brutal zu Tode gebissen werden könnte. So schlimm das klinge, eine tierärztliche Tötung sei da womöglich die Alternative, die dem Tier am meisten Leid erspare.

Keinen Namen haben derweil die Mäuse und Ratten, die in der Wilhelma als Futter gezüchtet werden – nicht nur weil die eigene Zucht günstig ist. „So wissen wir genau, was wir verfüttern“, erklärt Futtermeister Strauß. Das finge schon bei der Weizenproduktion an: Über die Zöglinge fallen die Heuschrecken her, die wiederum von Spinnen, Schlangen und Amphibien gefressen werden. Ein besseres Futter als das, was man selbst herstelle, gebe es kaum, meint Strauß. Für Wasserbüffel, Antilopen und Giraffen gelte das auch.

Kleine Tiere wie Mäuse, Ratten, Kaninchen oder Tauben dürfen nicht lebend verfüttert werden. Sie müssen getötet werden, und zwar von den zuständigen 98 Tierpflegern, die dafür eine spezielle Ausbildung durchlaufen haben. „Schön ist das nicht“, erklärt Raubkatzenpfleger Haag. „Aber was soll ich machen? Salat kann ich nicht verfüttern.“ „Was es aber nie geben wird“, sagt Futtermeister Strauß, „dass Tierberühmtheiten verfüttert werden“. Das habe für Flusspferd Egon, Elefant Vilia, Nashorndame Wanda und für Eisbär Anton gegolten. „Nie und nimmer werden die verfüttert.“

Tiger Carlos liegt gemütlich auf dem erdigen Boden in seinem Gehege. Zwischen seinen Pranken hält er ein Stück Fleisch. Kleine Stücke reißt er davon ab und kaut darauf herum. Es scheint ihm zu schmecken, die Ruhe hat er weg. Die Zoobesucher schießen Fotos und gehen weiter. Vielleicht haben sie ja Hunger bekommen.

Erschienen am 14. März 2014 in der Schwäbischen Zeitung.

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