Michael Scheyer
Journalismus & Öffentlichkeitsarbeit
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Blog Post

Stadt, Land, Bus – unterwegs mit dem Fernbus

29. Mai 2013 Reportage, Text
Stadt, Land, Bus – unterwegs mit dem Fernbus

Richtige Zeit, richtiger Ort, was fehlt, ist der Bus. Laut Fahrplan sollte er um zehn Uhr abfahren von der Haltestelle Nummer sieben auf dem Zentralen Omnibusbahnhof (ZOB) in Stuttgart-Obertürkheim. Die Wartenden sehen aus wie Passagiere auf einem Flughafen: Sie tragen Sonnenbrillen und ziehen Rollkoffer hinter sich her. Immerhin geht es auch von hier ab in die Ferne: München. Weil der Bus um viertel nach zehn noch immer nicht da ist, prüfen Hilde und Horst Demmeler irritiert den ausgehängten Fahrplan. Die Linie nach München ist darauf nicht verzeichnet. Gepäck benötigt das Rentnerpaar – sie ist 70 und er 73 – heute nicht. „Wir fahren nach München, um uns die Schinkelausstellung in der Kunsthalle anzuschauen“, sagt Hilde Demmeler. „Und heute Abend fahren wir mit dem letzten Bus wieder nach Hause.“

Zwanzig Minuten hinter der Zeit taucht der weiße Bus auf. Schon kurz nach Frankfurt, wo er um sieben Uhr startete, habe es den ersten Stau gegeben, entschuldigt sich Alexandru Lazar, einer der beiden Fahrer. Auf einem blauen Tablet-Computer kontrolliert er die Namen der Passagiere. Sein Kollege verstaut derweil das Gepäck im Bauch des neuen Fünf-Sterne-Modells von Mercedes-Benz. Um 10.30 Uhr geht es endlich los. Kurz danach fährt der Bus auf der Autobahn A8 an einem Schild vorbei, das nach 205 Kilometern das Ziel verspricht: München.

Fünf Euro. Das haben alle Fahrgäste bezahlt. Egal, wo sie eingestiegen sind, egal wo sie aussteigen. Die einfache Fahrt mit dem Schnellzug hätte – früh genug gebucht – 25 Euro und als Normalpreis 55 Euro gekostet. Mit dem Auto wären Spritkosten in Höhe von etwa 30 Euro angefallen, veranschlagt mit einem Liter Diesel für 1,40 Euro (der Preis an diesem Tag). Ganz hinten im Bus hat es sich Joschka Reiff mit Musik im Ohr gemütlich gemacht. „Weil es billig ist“, begründet er seine Entscheidung für den Fernbus.

Der 27-jährige Student will nach Landshut, um Freunde zu besuchen. Ab München geht es mit der Regionalbahn weiter. „So günstig ist nicht mal eine Mitfahrgelegenheit im Auto“, stellt er fest. Da müsse man etwa mit sechs Euro pro 100 Kilometer rechnen, also zwölf bis 15 Euro nach München. Und es gebe noch andere Vorteile: „Du hast deine Ruhe“, sagt Reiff und streckt demonstrativ die Beine aus: „Beinfreiheit, Platz haben in einem Renault-Twingo, schwierig.“ Zudem sei der Fernbus auch zuverlässiger als eine Mitfahrgelegenheit bei Privatleuten.

Ganz vorne, auf dem Platz hinter dem Fahrer, sitzt Julia Christlieb. Als Proviant hat sie sich Trauben mitgenommen und als Zeitvertreib ein Buch. Ziel der 22-Jährigen ist Grafing hinter München. In Stuttgart hat sie für ein paar Tage ihren Freund besucht: Fernbeziehung. Zum zweiten Mal reist sie mit dem Fernbus und ist mit dem Komfort zufrieden. „Es ist eigentlich genauso wie Bahnfahren.“ Es wackle nur ein bisschen mehr.

Auf der gegenüberliegenden Seite schaut Kara von Stockert aus dem Fenster. Die 20-Jährige sitzt seit Frankfurt im Bus und hat nach vier Fernbusreisen schon ein bisschen Erfahrung: „Normalerweise ist der Bus komplett voll“, sagt sie. „Das ist sauwenig heute.“ Beim Halt in Augsburg bittet sie den Fahrer, ihren selbstgebackenen Kuchen in das Kühlfach zu legen, damit die Schokolade nicht schmilzt. Bis nach München geht es zügig durch, vorbei an langsamen Lkw- Kolonnen. Über die Lautsprecher tönt leise Radiomusik. Temperatur: 20 Grad. Wer Frischluft möchte, muss nur die Lüftung über dem Kopf aufdrehen, direkt neben der Leselampe, wie im Flugzeug.

Um 13.10 Uhr erreicht der Bus den Busbahnhof in München an der Hackbrücke, ganz in der Nähe des Hauptbahnhofs. Nicht schlecht: Die halbe Stunde Verspätung in Stuttgart wurde bis auf zehn Minuten wieder eingefahren. Fünf Mal täglich startet ein City2City-Bus in Frankfurt, um über Stuttgart und Augsburg nach München zu fahren. Dasselbe gilt für die umgekehrte Strecke. Vier Stunden später, um 17 Uhr, fährt der letzte Bus in Richtung Frankfurt. „Die Schinkelausstellung hat sich gelohnt“, sagt Hilde Demmeler begeistert, als sie mit ihrem Mann in diesen letzten Bus einsteigt.

Um die Fahrt nicht unterbrechen zu müssen, wenn die Busfahrer nach viereinhalb Stunden ihre gesetzlich vorgeschriebenen Ruhezeiten einhalten, wechseln sich zwei Fahrer unterwegs ab. Während sein Kollege den Bus durch den Münchner Feierabendverkehr steuert, begrüßt Mesut Akan, ein kleiner, untersetzter Mann mit Schnauzbart, die 17 Fahrgäste freundlich über die Lautsprecher. Dann nutzt er die Zeit und unterhält sich mit einzelnen Reisenden. Haben sie Beschwerden, gibt Akan diese an die Zentrale weiter. Derzeit gebe es noch ein paar Kinderkrankheiten. Das drahtlose Internet zum Beispiel, das laufe noch nicht rund. Am häufigsten würden sich die Reisenden aber über fehlende Pausen beschweren und darüber, dass sie an den Haltestellen in Stuttgart oder in Augsburg nichts zu essen kaufen könnten. Wer Hunger bekomme und nichts dabei habe, müsse sich bis München gedulden.

Mesut Akan jedenfalls glaubt an das Konzept Fernbus: „Ich bin überzeugt, es wird ein voller Erfolg“, sagt er. Sein Arbeitgeber, die National Express Group aus Großbritannien, startete am 2. April auf dem deutschen Markt. Das Kontingent von 10.000 Fünf-Euro-Tickets, ein Angebot zur Markteinführung, ist schon fast aufgebraucht. „So viele Tickets in so kurzer Zeit. Das spricht doch für sich“, sagt Akan. Und City2City ist nicht das einzige Verkehrsunternehmen, das sich Marktanteile sichern will. Seitdem die Deutsche Bahn am 1. Januar das Monopol auf nationale Fernverbindungen verloren hat, kämpfen mehrere Anbieter um Strecken und Passagiere.

Bis Stuttgart verläuft die Fahrt sehr gemütlich: Die untergehende Sonne scheint den Reisenden ins Gesicht. Viele von ihnen haben die Rückenlehne zurückgeklappt, beobachten die vorbeifliegende Landschaft Württembergs oder dösen vor sich hin. Um genau 20 Uhr erreicht der Fernbus Stuttgart-Obertürkheim. Sogar fünf Minuten vor der anvisierten Zeit. Zwölf der 17 Fahrgäste steigen aus. Auch Hilde und Horst Demmeler, die sehr zufrieden mit ihrem Tagesausflug sind und annehmen, dass sie sehr bald wieder mit dem Fernbus fahren werden.

Erschienen am 29. Mai 2013 in der Schwäbischen Zeitung.

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