Michael Scheyer
Journalismus & Öffentlichkeitsarbeit
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Blog Post

Die Erinnerungen von Zeitzeugen und wie das ist, mit dem Großvater über den Krieg zu sprechen

25. Februar 2012 Feature, Text
Die Erinnerungen von Zeitzeugen und wie das ist, mit dem Großvater über den Krieg zu sprechen

Bald wird es niemanden mehr geben, der die Schrecken des Zweiten Weltkriegs mit eigenen Augen gesehen hat. Verstirbt der letzte Zeitzeuge und mit ihm sein Gedächtnis, bleiben den Nachgeborenen nur noch die Erinnerungen, die in Schrift, Bild und Ton festgehalten sind.

Damit das, was Deutsche erlebt und erfahren haben, nicht in Vergessenheit gerät, hat Guido Knopp, Leiter des ZDF-Programmbereichs Zeitgeschichte, zusammen mit Hans-Ulrich Jörges, Chefredaktionsmitglied des Stern, den gemeinnützigen Verein „Unsere Geschichte. Das Gedächtnis der Nation“ ins Leben gerufen. Dieser sammelt und archiviert Zeitzeugenberichte auf Video, um sie für die unsere und spätere Generationen festzuhalten.

Die Interviews sollen helfen, Vergangenes zu verstehen und begreifbar zu machen. „Wobei wir immer schauen müssen, dass diese Erinnerungen auch mit der historischen Wirklichkeit übereinstimmen“, erklärt Guido Knopp. „Historiker sagen ja gerne ,Der größte Feind des Historikers ist der Zeitzeuge’. Obwohl sie das nicht wollen, ist es so, dass Zeitzeugen sich auch gelegentlich irren.“ Um zu verhindern, dass das Gedächtnis der Nation getrübt wird, gleichen also Redakteure das Erzählte mit belegten Fakten ab. Ein Augenzeugenbericht vermittelt zwar gerade das eindrucksvoll, was der Mensch subjektiv erlebt hat. Historische Richtigkeit geht aber in jedem Fall vor.

Das Gedächtnis der Nation will aber nicht nur diejenigen Erinnerungen bewahren, die kurz vor dem Aussterben sind. Ereignisse der jüngeren Geschichte haben ebenso große Bedeutung: Jetzt sind diese Erinnerungen noch frisch und deshalb genau. Teilnehmen kann und soll jeder, der dazu bereit ist, im Scheinwerferlicht des Jahrhundertbusses, einem mobilen Fernsehstudio, frei von der Leber weg zu erzählen.

Es geht nicht unbedingt darum, bei großen Ereignissen wie dem Fall der Berliner Mauer dabei gewesen zu sein. Im Gegenteil: „Auf der letzten Bustour, als wir die Leute bewusst zur deutsch-deutschen Teilung befragt haben, wollten wir gar nicht so dramatische Erlebnisse hören, sondern einfach das Lebensgefühl in beiden deutschen Staaten abfragen“, erläutert Knopp. „Da geht es um vermeintlich unspektakuläre Themen: Wie haben die Menschen ihre Kindheit erlebt? Oder Jugend, Schule, erste Liebe, Militär, Beruf, Urlaub, Kinder, das Verhältnis zum Staat und zur Gesellschaft. Die Gleichzeitigkeit der Lebensverhältnisse ist für uns interessant und möglicherweise auch – die Auswertung läuft ja noch – die Ungleichmäßigkeit“, erklärt der Fernsehjournalist.

Hans-Ulrich Jörges und Guido Knopp (rechts). Bild: GdN

Herausfinden möchte er auch, warum sich die beiden Teile Deutschlands so stark auseinanderentwickelt hatten. „Ich glaube, das ist auch ein politisch wichtiges Projekt“, sagt Knopp. Die Zeitzeugenberichte geben Aufschluss über die Gefühle der Menschen: Wie es den Menschen zu einer bestimmten Zeit erging, was sie damals dachten und wie sie sich fühlten. Zahlen spiegeln das nicht wider. Mehr noch als die Faktenlage speichert das „Gedächtnis der Nation“ also die Seelenverfassung der Nation. Zukünftige Historiker werden für dieses Datenmaterial wahrscheinlich einmal sehr dankbar sein. „Was wären wir froh“, meint jedenfalls Knopp, „wenn wir solche Erinnerungen an den 30-jährigen Krieg zum Beispiel hören könnten oder an das deutsche Mittelalter. Können wir aber nicht.“

Spannender als einzelne Ereignisse sind dabei die Vielfalt der Erlebnisse und das Überraschende: „Der Pluralismus der Erinnerung spielt natürlich eine Rolle. Und das ist ja auch der Hintergedanke, wenn man mit dem breiten Schleppnetz durch die Lande fährt, und Menschen interviewt, die ansonsten nie die Chance hätten, in eine Fernsehkamera zu sprechen. Dann erhält man Kleinodien aus der Erinnerung, wirklich kostbare Erinnerungselemente“, erzählt Knopp, der als Historiker die Gegenwart nicht aus den Augen verloren hat: „Zuschauer und Betrachter in kommenden Jahrhunderten haben erstmals die Möglichkeit durch das Gedächtnis der Nation an solchen Erinnerungen teilzuhaben.“ Deshalb will er alle zur Verfügung stehenden Möglichkeiten nutzen, um Erlebtes für die Nachwelt zu erhalten.

Möglich macht dies auch das Internet, oder genauer gesagt das Portal www.gedaechtnis-der-nation.de. Zur freien Verfügung stehen jedem Interessierten die gesammelten Videos, sortiert nach Ereignissen in einem Zeitstrahl, wie die Pogrom- nacht, oder nach Themen, wie Proteste und soziale Bewegungen in der Nachkriegszeit. Auskunft geben sowohl unbekannte Menschen, Männer und Frauen aller Jahrgänge, als auch berühmte Persönlichkeiten: Altbundeskanzler Helmut Schmidt ist zu finden oder der ehemalige Bundesminister Egon Bahr.

„Unsere Geschichte. Das Gedächtnis der Nation“ zielt jedoch nicht nur auf das Internet. Die audiovisuellen Zeitzeugenberichte sollen künftig auch an Orten bereitstehen, die von historischer Bedeutung sind: in Gedenkstätten zum Beispiel oder in Museen, wie dem Deutschen Historischen Museum in Berlin.

Einen lebendigen Einstieg in die deutsche Vergangenheit könnte derweil die eigene Familiengeschichte bieten: Das Gedächtnis der Nation nimmt auch individuell aufgezeichnete Zeitzeugenberichte über den hauseigenen YouTube-Kanal an. Guido Knopp findet es toll, wenn Menschen sich mit ihrer Familiengeschichte beschäftigen. Die emotionale Bedeutung kennt er aus persönlicher Erfahrung: Seine Eltern haben bei dem Vorläufer des Jahrhundertbusses teilgenommen. „Ich kann nur sagen, ich bin heilfroh, dass ich diese Erinnerungen an meine Eltern habe machen lassen. Sie haben dieser kundigen und netten Kollegin auch Dinge erzählt, die sie mir, ihrem Sohn, nie so erzählt haben.“ Das war vor rund zehn Jahren. Mittlerweile ist sein Vater verstorben.

Ein Zeitzeuge berichtet seinem Enkel, wie er den Krieg erlebte

Alfred Klein aus Kisslegg nimmt Platz vor der Kamera und blinzelt in meine Richtung. „So, was soll ich Dir erzählen?“, fragt er mich, der hinter hellen Scheinwerfern sitzt. Ich bitte meinen Großvater, zu berichten, wie er als junger Soldat desertierte. „Nee, desertiert habe ich nie!“ sagt er laut, empört über meine unbedachte Wortwahl.

Und dann erzählt er, wie die Amerikaner damals über den Rhein kamen, und wie er mit zwei Kameraden ein Maschinengewehr zur Abwehr in Stellung bringen sollte. Weil ihm die Munitionskisten aber viel zu schwer waren, verlor er den Anschluss und verkrümelte sich in ein Versteck. Das hat ihm wahrscheinlich das Leben gerettet, ebenso wie den Kameraden, die munitionslos nicht auf den Feind schießen konnten und ebenfalls keine andere Wahl hatten als sich zu ergeben. Die Geschichte kenne ich schon: Vor wenigen Jahren, bei einer guten Flasche Wein, hatte ich ihn schon einmal gebeten, mir vom Krieg zu erzählen.

Vor der Kamera ist er so wie damals: Er erzählt langsam und konzentriert, und er erinnert sich an bemerkenswert viele Einzelheiten. Manches bedrückt ihn noch heute, manches bringt ihn noch immer zum Lachen. Die gesamte Aufzeichnung dauert etwa 50 Minuten. Am Ende will ich wissen, wie er das findet, was wir gerade machen – einen Zeitzeugenbericht, der in Bild und Ton erhalten bleiben soll. Und seine letzten Worte auf der Aufnahme lauten:

„Ich finde das gut, dass man so einzelne Geschichten und Schicksale festhält, dass das nicht verloren geht. Das ist ja eine Zeit, die haben wir erlebt und durchgemacht, und die kann man nicht verleugnen. Wir haben in dem NS-Staat gelebt, der hat uns die Jugend geklaut: Mit 14 Jahren sind wir ja schon als Männer angesprochen worden. Und ich freu’ mich, dass die heutige Jugend sich so richtig ausleben darf. Und wenn ich mir heute einen 18-Jährigen angucke und stelle mir vor, er wäre in Uniform und hätte ein Gewehr und müsste schießen: Das ist unvorstellbar. Die Jungen sind heute ganz anders. Wir mussten einfach Männer werden, ob wir es wollten oder nicht.“

Drei Monate später, am Abend des Tages, an dem ich mit Guido Knopp über das Gedächtnis der Nation gesprochen hatte (siehe oben), verstarb Alfred Klein im Alter von 84 Jahren. Was mir von ihm bleibt, sind die Erinnerungen in meinem Gedächtnis. Im Gedächtnis der Nation bleiben seine Zeitzeugenberichte.

Erschienen am 2. Februar 2012 in der Schwäbischen Zeitung.

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