Michael Scheyer
Journalismus & Öffentlichkeitsarbeit
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Blog Post

Harry Rowohl säuft nicht mehr

24. November 2011 Feature, Text
Harry Rowohl säuft nicht mehr

Es ist keine leichte Aufgabe, die ich habe: Über Harry Rowohlt zu schreiben, ist gefährlich. Jeder Versuch, scharfsinniger als er sein zu wollen, würde nach hinten losgehen. In seinem Programm, das er am Dienstag im Schwarzen Hasen in Wangen-Beutelsau gegeben hat, widmete er einen beträchtlichen Teil der Presse und ihrer Stilblüten. Deshalb verbiete ich es mir noch während der Veranstaltung, Harry Rowohlt zu zitieren. Auch das würde nur nach hinten losgehen.

In der Ankündigung steht geschrieben: „Harry Rowohlt liest und erzählt.“ Aber das ist nur die halbe Wahrheit. Er singt auch, imitiert Dialekte und Menschen, spielt und improvisiert, wenn es sein muss. Im Grunde genommen ist sein ganzes Programm eine einzige Improvisation, denn er erzählt das, was ihm in den Sinn kommt, und zwar dann, wann es ihm in den Sinn kommt.

Harry Rowohlt darf keinen Whiskey mehr trinken, deshalb steht da eine Flasche Wasser.

Einfach so, mittendrin: Er beginnt einen Satz, und noch bevor er das Verb erreicht, unterbricht er sich selbst und driftet ab in Geschichten, die er erlebt und beobachtet hat. Anschließend kehrt er zu dem zurück, was er vorgelesen hatte, als wäre nichts geschehen. An mancher Stelle ist das ein wenig mühsam und schade zugleich. Die Gedankensprünge reißen aus den Geschichten heraus, die er liest. Das erfordert Konzentration und wird anstrengend.

Doch Harry Rowohlts samtige Bassstimme gleicht das aus. Sie entspannt und lullt den Zuhörer ein. Ihn jedoch auf seine Stimme zu reduzieren, würde ihm nicht gerecht. Seine Pointen funktionieren auch, wenn andere sie erzählen. Es macht schließlich keinen Unterschied, dass er während der Vorstellung mittlerweile nicht mehr säuft. Er leidet an Polyneuropathie, einer Erkrankung des Nervensystems, und trinkt seither Wasser.

Früher, da trank er während einer Vorstellung noch eine ganze Flasche Whiskey. „Schausaufen mit Betonung“ nannte er da seine Lesungen. Aber Harry Rowohlt sieht in allem das Tragikomische: Ein klingelndes Handy im Publikum ist ein willkommener Anlass für einen großartigen Witz, und als seine Kleidung zu sehr seiner Rolle als Penner in der Lindenstraße entspricht, fackelt er mit seinem Feuerzeug auf der Bühne den aus dem Ärmel hängenden Faden kurzerhand ab.

Fünf Jahre lang musste Markus König vom Wangener Kultrast-Verein um Harry Rowohlt buhlen, bis er die Zusage bekam. Die Mühe war es wert. Harry Rowohlt ist authentisch auf der Bühne. Seine Arbeit macht ihm sichtlich Spaß. Pointen serviert er zwar mit bitterem Ernst, aber Rowohlt schmunzelt verstohlen in seinen Rauschebart, wenn er den Kopf senkt, um sich wieder dem Lesen zu widmen, und freut sich schelmisch über so manch gelungene Spitze.

Und weil es ihm selber Spaß macht, macht es auch seinen Zuschauern Spaß. Er ist nicht distanziert, im Gegenteil, er ist einer von uns: 1993 erschien die Kolumne „So ein kleines Wort“, in der er seinen Besuch im Wangener Tanzcafé Hölle niederlegte. Harry Rowohlt zu Gast im Tanzcafé Hölle. Wenn ich von damals was zu zitieren hätte, ich würde es trotz aller Gefahr tun.

Aus Harry Rowohlts Kolumne: „So ein kleines Wort“

„Abends in die „Hölle“. Die haben wir uns ehrlich verdient. Das Tanzcafé „Hölle“ liegt unterirdisch am Stadtrand von Wangen. Lange irrt man durch finstere Stollen, deren Wände mit Geisterbahnmotiven bemalt sind. Dann findet man aus Versehen die Felsenbar mit echtem Höllenfeuer, und wenn man sich noch ein paar Mal verläuft, steht man plötzlich in der augenfälligen Pracht des Schwofsaals: Tropischer Bewuchs, ein großes Schwimmbecken, zwei Fontänen, dann rumpelt und glottert es, die Tanzfläche schiebt sich übers Wasser, die Fontänen versiegen gerade noch rechtzeitig, eine Reling schraddelt hoch, damit niemand in den Bach tanzt, und „Die 3 Gigolos“ singen und musizieren. Es ist wie im Himmel.“

(Aus: „Pooh’s Corner“ erschienen bei Kein & Aber, Zürich 2009)

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